Unter dem Leitgedanken „Den Hochchor erleben“ öffnen wir diesen besonderen Ort für Gottesdienste, Musik und geistliche Impulse. Erleben Sie den Hochaltar nicht nur als Kunstwerk, sondern als lebendigen Mittelpunkt von Glaube und Gemeinschaft.
Veranstaltungen im Jubiläumsjahr
- Samstag, 09. Mai | 18:00 Uhr
Auftakt-Eucharistie im Hochchor
Musikalische Gestaltung: subito vocale - Montag, 11. Mai | 16:00 Uhr
Kinder entdecken den Hochaltar
Uschi Wochner, Gemeindereferentin und Harald Wochner, Diakon - Sonntag, 21. Juni | 08:30 Uhr
Stadtpatrozinium
Ökumenisch gefeiert mit Prozession sowie Statio auf dem Marktplatz und beim Kriegerdenkmal
Feier im Hochchor - Samstag, 11. Juli | 18:00 Uhr
Wort & Orgel – Geistliche Altarbetrachtung
Mit Dr. Erwin Grom und Nicola Heckner - Samstag, 15. August | 10:30 Uhr
Patrozinium des Hochaltars
Festgottesdienst zum Hochfest Mariä Himmelfahrt im Hochchor - Sonntag, 11. Oktober | 17:00 Uhr
Abendlob – Musikalisches Gebet
Mit dem Münsterchor im Angesicht des Altars - Samstag, 21. November | 18:00 Uhr
Friedensgebet am Hochaltar
Gestaltet vom Gemeindeteam - Samstag, 05. Dezember | 18:00 Uhr
Wort & Orgel – Geistliche Altarbetrachtung
Mit Dr. Erwin Grom und Nicola Heckner
Herzliche Einladung, den Hochchor neu zu entdecken – als Raum der Stille, der Musik und des Glaubens.

Quelle: Martin Hau
Der Hochaltar im Breisacher Münster
Kunst und Glaube im Einklang
Der Breisacher Hochaltar gehört zu den herausragenden Kunstwerken des Oberrheins und ist weit mehr als ein bedeutendes Zeugnis spätgotischer Schnitzkunst. Er ist ein Werk von außerordentlicher theologischer Dichte, das den Glauben nicht nur darstellt, sondern in Bildern auslegt. In ihm verbinden sich Frömmigkeit, Verkündigung, städtisches Selbstbewusstsein und künstlerische Meisterschaft zu einem Gesamtkunstwerk, das bis heute Staunen auslöst. Jörg Sieger spricht mit Recht davon, dass der Altar „ein ganzes Buch“ sei — ein Bildwerk also, das gelesen, betrachtet und geistlich erschlossen werden will. Zugleich bleibt manches an ihm rätselhaft, hypothetisch und letztlich nicht vollständig klärbar.
Entstehungszeit
Die Entstehungszeit des Altars lässt sich vergleichsweise gut eingrenzen. Gesichert ist, dass der Magistrat der Stadt Breisach im Jahr 1523 in Freiburg um Lindenholz für einen Altar in der Breisacher Kirche bat. Aus dem Altar selbst lässt sich zudem die Jahreszahl 1526 erschließen: Auf einem Gebetbuch, das ein Engel an der Seite Gottvaters emporhält, ist bei Infrarotuntersuchung diese Jahreszahl lesbar. Damit liegt die Vollendung des Werkes mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahr 1526.
„Meister H. L.“
Weniger eindeutig ist die Frage nach dem Künstler. Der Altar ist mehrfach mit den Initialen H. L. signiert. Deshalb spricht die Forschung seit langem vom „Meister H. L.“. Eine sichere Namensnennung ist damit aber noch nicht gewonnen. Jörg Sieger verweist auf die kunsthistorische Hypothese, dass sich hinter diesem Meister möglicherweise Hans Loy verbergen könnte. Diese Annahme stützt sich auf Parallelen zu einem Ulmer Planriss für einen Marienaltar, auf die Form einer möglichen Signatur sowie auf überlieferte Monogramme eines Hans Loy. Dennoch bleibt diese Identifizierung letztlich eine plausible, aber nicht abschließend gesicherte Deutung. Gerade hier ist Zurückhaltung angebracht: Der Name Hans Loy ist eine ernstzunehmende Spur, aber keine letzte Gewissheit.
Auch kunsthistorisch steht der Breisacher Hochaltar an einer spannenden Schwelle. Er erscheint zwar als Wandelaltar mit Flügeln, doch vieles spricht dafür, dass diese Flügel nie als klassische Schließflügel im alten Sinn gedacht waren. Die Konstruktion verweist bereits auf eine veränderte Auffassung des Retabels. Das hoch aufragende Gesprenge wirkt in seiner spätgotischen Vertikalität zugleich etwas eigenständig gegenüber dem übrigen Aufbau. In der Forschung ist deshalb umstritten, ob es von Anfang an zu diesem Altar gehörte oder später ergänzt wurde. Ebenso ranken sich um die auffällige, nach vorne gebogene Spitze des Gesprenges zahlreiche Erzählungen. Sieger macht jedoch deutlich, dass solche gebogenen Fialen in der Gotik keineswegs einzigartig sind und nicht vorschnell romantisch überhöht werden sollten. Die bekannte Breisacher Geschichte vom „Altar, höher als das Münster“ ist kulturgeschichtlich reizvoll, gehört aber in den Bereich der Legende, nicht der gesicherten Werkgeschichte.
Die theologischen Aussagekraft
Die eigentliche Größe des Hochaltars liegt in seiner theologischen Aussagekraft. Das Werk entfaltet kein zufälliges Nebeneinander einzelner Figuren, sondern ein bewusst komponiertes Bildprogramm. Im Zentrum steht das Geheimnis Gottes selbst: Vater, Sohn und Geist, die Heilsgeschichte und ihre Ausrichtung auf Christus. Zugleich wird Maria nicht losgelöst verklärt, sondern in ihrer heilsgeschichtlichen Sendung gezeigt — als Mensch Maria und als von Gott erwählte Gestalt im Zusammenhang der Inkarnation. Hinzu treten die Heiligen, insbesondere Stephanus und Laurentius sowie Gervasius und Protasius, die auf Patronate, kirchliche Tradition und konkrete Frömmigkeitsbezüge verweisen. So wird der Altar zu einer verdichteten Glaubenslehre in Bildern. Er spricht nicht nur über den Himmel, sondern auch über Kirche, Zeugnis, Martyrium, Hoffnung und die Gegenwart Gottes in der Geschichte. Die Gliederung der Sieger-Seite macht gerade diese theologische Mehrschichtigkeit deutlich.
Darüber hinaus steht der Hochaltar nicht isoliert im Raum, sondern im Zusammenhang des gesamten Münsters. Wer Breisach verstehen will, muss auch die übrigen großen Bildwerke mitdenken. Dazu gehört vor allem das monumentale Jüngste Gericht von Martin Schongauer an der Westwand, das Sieger als eines der größten mittelalterlichen Wandgemälde nördlich der Alpen beschreibt. Auch dieses Werk folgt der mittelalterlichen Logik der „lesbaren Verkündigung“: Bilder dienen nicht bloß der Ausschmückung, sondern der Unterweisung, der geistlichen Vertiefung und der Vergegenwärtigung zentraler Glaubensinhalte. In diesem Zusammenhang erscheint auch der Hochaltar als Teil eines umfassenden theologischen und liturgischen Bildraumes.
Gerade deshalb verdient der Breisacher Hochaltar heute besondere Aufmerksamkeit. Er ist nicht nur ein Denkmal der Vergangenheit, sondern ein Werk, das auch in der Gegenwart Fragen stellt: nach dem Glauben, nach dem Menschenbild, nach der Rolle der Kunst in der Verkündigung und nach dem verantwortungsvollen Umgang mit einem kulturellen und geistlichen Erbe. Seine Faszination liegt nicht allein in der handwerklichen Brillanz, sondern in der Tiefe seines Programms. Wer sich ihm nähert, begegnet keinem stummen Museumsstück, sondern einem Werk, das seit fast fünfhundert Jahren Glauben sichtbar macht.
